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Leseprobe Countdown zur Erstkommunion [...]
10 – Donnerstag: Ich bin
“Noch zehn Mal schlafen bis zu unserer Erstkommunion!” jubelt Ina. Sie ist gerade ins Bett gehüpft. Ina schläft mit ihrem Zwillingsbruder Benedikt im gleichen Zimmer. Benedikt fährt gerade noch sein Matchboxauto in die Garage unter seinem Bett. Ihm käme es gar nicht in den Sinn, nachzurechnen, wie lange es noch hin ist. So viel Bedeutung hat das Fest für ihn nicht. Trotzdem freut er sich daran, wie begeistert Ina ist und manchmal steckt sie ihn mit ihrer Vorfreude sogar auch richtig an. Während Ina ständig über etwas nachzudenken schien, ist Gedankenarbeit für Benedikt eher etwas, was ihm vormittags in der Schule genügt. Obwohl die beiden Zwillinge sind, sind sie doch grundverschieden. Trotzdem – oder gerade deshalb – streiten die beiden sehr wenig.
Ina zieht ihre Bettdecke nach oben, sodass unten ihre Füße zum Vorschein kommen. „Schlaf gut, Mariechen“ sagt sie mit tiefer und „Du auch Anton“ mit einer hellen Stimme und dann presst sie ihre beiden großen Zehen aneinander als würden sie sich umarmen. Als sie im letzten Sommer Zehentheater gespielt hatte, bekamen ihre großen Zehen feste Namen. Der Rechte war Anton, der Linke war Mariechen.
„Weißt Du, was mir vorhin vor dem Badezimmerspiegel aufgegangen ist?“ fragt Ina ihren Bruder. „Was denn?“ antwortet er nebenbei, während er an seiner Taschenlampe herumbastelt, die immer griffbereit neben seinem Bett liegt. „Mir ist aufgegangen, dass ich bin!“ „Das hätte ich Dir auch sagen können, sonst wärst du ja tot!“ antwortet Benedikt gelangweilt. Doch dann kommt ihm der Satz „ich bin“ irgendwie bekannt vor. Im Religionsunterricht hatte er gehört, dass das der Name Gottes war: Ich bin der “Ich bin“. Das hatte Gott zu Mose am brennenden Dornbusch gesagt. „Ja, schon!“, versucht Ina sich zu erklären: „Aber mir ist das eben einmal so richtig bewusst geworden. Ich habe in den Spiegel gesehen und habe mich selbst gesehen.“ „Wen denn sonst? Vielleicht den lieben Gott?“ scherzt Benedikt und knipst das Licht aus.
Ina schweigt. Sie kann ihrem Bruder nicht erklären, was sie wahrgenommen hat. Sie nimmt ihre Hände und befühlt ihr Gesicht, ihre Haare, ihre Stirn, ihre Augenbrauen, dann ihre Nase, ihren Mund, ihr Kinn. Sie sucht die Ohren, die Wangen und fühlt ihre warmen Finger auf ihren geschlossenen Augen. Das ist sie: Ina.
Dann legt sie ihre Hände auf ihr Herz und versucht zu spüren, wie es pocht. „Hast Du schon mal gespürt, wie dein Herz pocht, Benedikt?“ fragt sie nach einer Weile. „Klar, beim Fußball, wenn ich gerannt bin – da pocht es immer ganz fest.“
„Komisch“, denkt Ina. Sie spürt gerade ihren Herzschlag als etwas ganz Besonderes und für ihren Bruder ist das etwas ganz Normales. Ina ist fasziniert von dem Gedanken, dass ihr Herzschlag, ihr Atem, ihr Magen und alles in ihr einfach so funktioniert, ohne dass sie etwas dazu tun muss. Für sie ist das wie ein kleines Wunder. …








